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Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der „heilige Ort“ für Danjana Brandes sind ihre handgewebten Leinwände, denen sie mit Einfühlungsvermögen und wunderbarer Leichtigkeit ihre märchenhaften, traumverlorenen wie sehnsüchtigen expressiv-surrealen Geschichtenbilder anvertraut. Sie gelangt auf ihnen in eine Anderswelt, in die sie staunend eintaucht und erkennend hineinsieht. Der „heilige Ort“ ist auch ein Schutzraum, in dem meditiert werden kann, in dem sich Himmel und Erde begegnen, die alten und die neuen Mythen ebenso. Man wird als Betrachter von dem Farbschmelz angezogen, auch von diesem ungewöhnlichen, inneren Licht, das sich wie ein Orakel anpreist: alles ist vergänglich, alles hat seine Zeit. Sie kennt sich aus mit der Stofflichkeit von Materialien und Oberflächen. Färbt sie doch das Rohleinengarn als Leinenstrang selbst, spult diesen um und webt ihre Leinwände auf einem Flachwebstuhl, dem einzigen noch funktionierenden in Sebnitz, einer Stadt, in der einst mehr als 150 Webstühle gestanden haben sollen. Die farbigen, strukturierten Oberflächen der Leinwände bleiben oftmals sichtbar, wenn sie im Handsiebdruck mit eigener Schablonierung, verknüpft mit Tuschelavierung die ersten Farbflächen setzt. Dann erst nimmt sie den Pinsel in die Hand oder folgt den vorgegebenen Formen mit Ölkreidestiften. Schicht um Schicht tauchen Mischwesen auf, Arabesken, Ornamente.
Wer den Weg der Analyse im Suchen seelischer Urgründe aus Erinnerungen, Träumen und Assoziationen ernsthaft eine Strecke gegangen ist, so wie Danjana Brandes, dem bleibt als beständiger Gewinn, das, was man als das innere Verhältnis zum eigenen Unbewussten nennen kann. So bedingt das eine das andere, so geht das eine in das andere über. So entsteht das Wesentliche aus dem Wechselspiel von Grundformen und von gegenseitigem Durchdringen, so entwickeln sich unendliche Variationsmöglichkeiten von Nachtschattengewächsen und diversen Lichtgestalten.
Nichts ist fassbar. Denkt man, man hätte die Form begriffen, hat sie bereits die Flucht ergriffen und sich irrlichternd in ein fremdes Wesen verwandelt. Oder ist dies nur eine Sinnestäuschung im Land der Fata Morganen, in dem jedem Betrachter neuer Sinn zuwachsen kann, ganz unverhofft, um in rätselhafte Abgründe gelockt zu werden, sobald man sich zu weit vorgewagt hat? Was ist der Sinn von Erkenntnis, könnte man fragen?! Vielleicht das Erkennen selbst, die Lust an den Unwägbarkeiten der Interpretation?!
„Refugium“ nennt Danjana Brandes ein handgewebtes Zelt, welches die Grundfläche eines zweiteiligen Armeezeltes besitzt, welches zusammengeknöpft wird und bemalt ist mit dem lebendigen Kosmos unseres friedvollen Seins.
Danjana Brandes folgt unterdessen nicht mehr ausschließlich poetischen Erfindungen, ornamentalen Verstrickungen, sondern meditiert vor allem über Farbe, Farbräume und Klangfarben. Sie denkt in Farben und entzündet sie. Konturen grenzen leuchtende Farbflächen voneinander ab, die ein reich nuanciertes Innenleben aufweisen, eine zuweilen reliefartige Oberflächenfaktur. Was liegt darunter? Was sind das für ausgehärtete Spuren traumverlorener Momente? Vergangenes, das in der Tiefe keimt, Hoffnung ins Herz geschrieben. Das innere Hören wächst aus den Leinwänden heraus und verzweigt sich. Sinnlich breitet sich Farbe auf den Leinwänden aus und bringt das Innen zum Leuchten, wie in einem Rausch, glühend, knisternd voller Leidenschaft und doch konzentriert. Fülle und Einfachheit bedingen einander, sowie die systematische Analyse, das Improvisieren und dann kommt in den Zwischenräumen der Zufall zum Tragen, der eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Das Außen im Innen zu spiegeln, das Innen im Außen ist nicht nur eine Herausforderung, es ist eine Aufgabe. Sie weiß darum, dass jeder von uns die Summe dessen ist, was er erlebte und was man ihm erzählte. Die alten Märchen fassen uns in der Gegenwart. Der eine wird sein Leben lang eine Rolle spielen, sich verstecken hinter einer Maske, sich anpassen und sich irgendwann verlieren und in der grauen Masse aufgehen. Der andere ist nicht gewillt, sich disziplinieren zu lassen, rebelliert, wird versuchen, sich zu erkennen, der zu werden, der er sein sollte, sich nicht verstümmeln lassen. Jeder wird sich entscheiden müssen, mit Empathie Mensch zu bleiben oder der Gier nach Macht und Reichtum, auf Kosten anderer, nachzugeben. Danjana Brandes weiß, wer sie geworden ist, eine Entfesselungskünstlerin besonderer Art, die sowohl der Magie von Farben verfallen ist, wie der formalen Groteske. Sie spielt einschmeichelnd mit der visuellen Neugier des Betrachters und verblüfft mit ihren Interpretationen von Zeit.
Sie wurzelt sich in Farben ein und zwar in lebhaft exzessiver Orchestrierung, in Mythen und Märchen, die mit Sehnsüchten, die mit den inneren Jagden auf dem Herzacker verbunden sind. Sie ist erfüllt von Kraft und Zorn, Mut und Liebe, und auch Vertrauen… Sie wandelt auf den Wegen der Erinnerung und auf Pfaden des Träumens. Immer wieder bricht sie zu neuer Erkenntnis auf. Sie ist eine Geschichtenerzählerin, die im verschwörerischen Gleichklang mit den ewigen Geheimnissen des Universums lebt, geschützt vor der Zeit und doch inmitten des Alltags.
So entstanden emblematische Bilder, die spielerisch-variantenreich Räume zwischen Eindeutigkeit und Vieldeutigkeit, Rationalität und Irrationalität zu beschreiben vermögen: Traumgeborenes sammeln, Formen verformen und entbergen, sichtbar machen, beäugen, beargwöhnen, versöhnen. Alles fließt, alles zerrinnt, zwischen den Händen, ein Blick nur, Einblick nehmen, berührt werden, gerührt sein. Alles hat seinen Sinn, auch paarweise, Bilder sind Leibeigene, und doch eigene Leiber.
So sind ihre Bildwerke, rätselhaft wie schön, ein lebendiger Entwurf einer strategischen Neuordnung und Nuancierung der eigenen Erfahrungswelt. Die Künstlerin genießt die Freiheit, sich in sich selbst zurückzuziehen, um mit der Bildpoesie zu sprechen, die geheimnisvolle Geschichten, wie Atempausen, integriert. Hier kann sie verweilen, um mit sich ins Reine zu kommen, um wieder einmal nur zuzulassen, was ihr in den Sinn kommt. Zarteste Schichtungen wechseln mit einem leuchtenden Farbspiel, einer faszinierenden Ornamentik, die mehr andeutet als hervorhebt, einem fabulösem Netzwerk von Linien, einem Vor- und Zurücktreten von Strukturen, Flächen, Floralem, Figürlichem. Sie beredet sich mit Symbolwelten, archaischen Zeichen, mit Dingen, die eine Aura besitzen. Einerseits arbeitet Danjana Brandes auf selbst gewebten und eingefärbten Leinwänden, andererseits bezeichnet sie mit Tusche dünne historische Baumwollstoffe. Die Serie kleinformatiger Arbeiten trägt den Titel: „Zwischenwelten“.
Oftmals entstehen spontan Gesichter. Die Wesen kommen zu ihr und entführen sie in ein Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit. Vieles ist wirklich nur angedeutet im Verschwinden. Aus der Nacht tagt es heraus. Es blaut und flammt rot und das Pflanzenmeer hüllt sich ein in Weiß. Haus und Baum und Auge und fliegen. Engel. Die Elemente wachsen einander auf der Fläche zu, um sich räumlich aufzulösen. Ganz viele Schichtungen, zarte und opake. Weiche und harte irisierende Konturen geben Halt im Chaos.
„Das Verborgene wächst ins Sichtbare. Ihre Arbeiten scheinen selbst auf den Wänden immer noch weiter zu wachsen im Spiel mit harten und weichen Formen, mit scharfen Konturen und diffusem Farbgewölk, im Fluss der Phantasie… Grafische und malerische Elemente, Ornamentales und Abstraktes, Figürliches und Florales sind miteinander verbunden. Linien streuen sich, um sich zu verdichten, Flächen ebenso. Es lebt das Prinzip von Makro- und Mikrokosmos. Fremdheiten bilden surreale Zusammenhänge, entfernte Zeiten und Wirklichkeiten kann man gleichzeitig erleben. Es ist Traumzeit angesagt im Reich der Zwischenwelt.“, habe ich über Danjana Brandes 2011 geschrieben, was ich heute noch bestätigen kann.
Danjana Brandes wurde 1979 in Beckendorf/Neindorf in Sachsen Anhalt geboren. Sie lebt seit 1990 in Sebnitz. Nach einer werbegrafischen Ausbildung in Freital, begann sie 1999 ein Studium an der Burg Giebichenstein, der Hochschule für Kunst und Design in Halle. Anfangs war sie in der Klasse bei Prof. Mechthild Lobisch für Konzeptkunst/Buch. Sie wechselte nach einem Jahr in die Klasse Malerei/Textil bei Prof. Inge Götze, über die sie mit Hochachtung spricht. Von 2002 bis 2005 setzte sich Danjana Brandes intensiv mit dem Handwerk der Leinen-Flach-Weberei in der Staatlichen Textilmanufaktur in Halle auseinander. 2003 erhielt sie ein Stipendium an der Hochschule für Kunst, Architektur und Design in Prag, 2005 das Diplom. 2006 erhielt sie den 1. Preis im Gudrun Sjöden Wettbewerb. Seit 2006 ist sie freischaffend tätig. Sie lebt mit Tochter, Sohn und Mann in Sebnitz.
Beim Weben verdichte ich Immaterielles“, kann man auf ihrer Internetseite lesen. Und weiter „Stück für Stück. Und alles von Hand. Vom Punkt (Faser) zur Linie (Faden). Von der Linie zur Fläche. Die Kette bestimmt den Ort. Der Ort wird durch den Schuss beleuchtet. Geschehen und Ort sind gleichbedeutend. Ich beginne mit den gewebten Flächen zu spielen.“

Karin Weber (Laudatio zur Ausstellung „Heiliger Ort“ im Malzhaus Kamenz 2018)