Danjana Brandes

Technik

Gewebte Zeit

Der Anfang

Seit 20 Jahren stellt die traditionelle Handweberei ein wichtiges Hauptarbeitsfeld in meinem künstlerischen Schaffen dar, in das ich gern viel Zeit hineinfließen lasse.

Der auslösende Moment, mich für dieses Handwerk zu begeistern, geschah während meines Kunststudiums in Halle an der Saale. Durch Zufall geriet ich in einen Vortrag über japanische Weberei, der mich ungemein faszinierte und meine damalige künstlerische Sinnkrise schlagartig beendete. Seit diesem Abend war ich infiziert. Weben schien wie eine Meditation.

Durch einen Kooperationsvertrag der Hochschule mit der in Halle/Saale ansässigen Staatlichen Textilmanufaktur hatte ich ab dem Jahr 2002 die Möglichkeit, die Weberei zu erlernen. Jeden Tag, der mir möglich war, verbrachte ich in der Manufaktur. Ich lernte von den Weberinnen alle nötigen Grundlagen – vom Färben und Spulen des Garnes bis zum eigentlichen Webvorgang. Dabei wurde mir ziemlich schnell klar, dass beim Weben nicht allein die Meditation sondern vor allem Geduld und handwerkliches Geschick im Vordergrund stehen. Jeder gerissene Kettfaden, so ärgerlich es war, spornte mich an weiter zu machen.

Die Leinenbindung

Bald habe ich gemerkt, dass mir die einfachste aller Bindungen – die Leinenbindung- in all ihren Facetten am meisten liegt, da sie in ihrer Ebenbürtigkeit von Kette und Schuss ein völlig gleichmäßiges lineares Muster beim Weben hevorbringt. In ihr verdichtet sich Immaterielles. Ein Punkt (Faser) wird zur Linie (Faden) und weiter letztendlich von der Linie zur Fläche (Gewebe). Die gewebte Fläche wartet darauf, künstlerisch weiterbearbeitet zu werden.

Oft bedrucke ich meine Leinwände in der ursprünglichen Form des heutigen industriellen Siebdrucks, der Serigrafie oder ich verwende die einfachste und älteste Druckmethode überhaupt – den Schablonendruck.

Den dabei entstandenen Formen lasse ich Zeit. Ich warte, bis sich die Figuren aus der gewebten Fläche herauslösen, um von mir dann ganz im malerischen Sinne festgehalten zu werden. Dazu benutze ich Pinsel und verschiedene Farben, auch Ölkreiden und Tuschen. Die farbige, strukturierte Oberfläche des Stoffes bleibt an vielen Stellen sichtbar und bildet eine wundersame Einheit mit Druck und Malerei.

Wichtig ist mir vor allem das gleichwertige Miteinander von Weberei und Malerei. Die Weberei allein wird zum Tuch, die Malerei ohne die selbst gewebte Leinwand erreicht für mich nicht die zarte Dimension des Verbundenseins. Ich brauche den Zauber der gewebten Flächen, die ganze Vorarbeit, damit sich die malerische Arbeit danach so sensibel entwickeln kann. Die gewebten Strukturen mit ihren Farben und Mustern, das saugfähige Material bedingen eine ganz andere Herangehensweise als eine gekaufte weiße Leinwand.

Tradition und Zukunft

Ich knüpfe mit meiner Arbeit direkt an die 500 jährige Textiltradition meiner Heimatstadt Sebnitz an, in der im Jahre 1509 die Gründung einer Leineweberinnung mit 51 Meistern und 569 in Betrieb stehenden Webstühlen erfolgte. 1864 eröffnete Carl August Hesse die erste Maschinenweberei der Stadt, der bald weitere folgten. Der Aufschwung der maschinellen Weberei führte zum Absterben der Handweberei in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. 1990 stellten auch die großen Webereien endgültig ihre Produktion ein. Alle Webstühle wurden entsorgt.

Nach meinem Kunststudium zurück in Sebnitz ließ ich mir im Jahre 2006 nach historischem Vorbild einen großen Kontermarschwebstuhl bauen. So konnte ich die in Halle/Saale begonnene Arbeitsweise fortsetzen, aber auch die Tradition meiner Heimatstadt wieder aufleben lassen.

Als Künstlerin sehe ich meine Aufgabe darin, einerseits die Tradition des Handwerks zu ehren und zu nutzen, aber auch weiterzuentwickeln und in die heutige Zeit zu transformieren.

© 2022 Danjana Brandes

Thema von Anders Norén